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Cash, 18. November 2004

Der Schweizer Branchenprimus kürzt bei 60 Prozent der privaten Rentenbezüger die Überschüsse.

Wer vor 2000 eine Police abgeschlossen hat, muss sich auf eine Rentenkürzung gefasst machen. Die Winterthur ist aber nicht allein. Laut CASH-Informationen kürzt auch Helvetia Patria Überschüsse. Von Claude Chatelain

«Wir kürzen weiterhin keine Überschüsse auf laufenden Renten, weil uns die Offerttreue gegenüber den Kunden ein sehr wichtiges Anliegen ist», erklärt Rob Hartmans, Mediensprecher von Swiss Life. Bei der Winterthur und der Helvetia Patria scheint die Offerttreue hingegen weniger wichtig zu sein. Ruedi Kubat, Leiter Einzelleben bei der Winterthur, bekennt: «Wir haben uns entschieden, eine umfangreiche Anpassung der Überschüsse bei den Altersrentenprodukten in einem Schritt vorzunehmen.»
Es ist bekannt, dass Versicherer wenig Hemmung zeigen, bei Kapital- oder aufgeschobenen Rentenversicherungen die Überschüsse zu kürzen. Hingegen war die Kürzung bei laufenden Renten für die meisten Versicherer ein Tabu. Eine Ausnahme bildete die Zürich, die schon in der Ära Hüppi schonungslose Kürzungen vorgenommen hatte.
Ganz anders die Providentia: Schweren Herzens verkündete der Versicherer aus Nyon vor anderthalb Jahren, die Überschüsse auf laufenden Renten zum ersten Mal seit der Gründung im Jahr 1946 reduzieren zu müssen. Wenig später folgte die National-Versicherung.

Swiss Life und Bâloise mussten noch nie kürzen

Hingegen sagte die Winterthur damals auf Anfrage: «Wir sind zum Schluss gekommen, die Überschüsse für Renten mit konstantem Bonus nicht zu kürzen. Wir wollen zuwarten, ob sich die Finanzmärkte allenfalls doch noch erholen und höhere Renditen abwerfen.» Doch inzwischen ist bekannt, dass sich die Renditeaussichten an den Finanzmärkten für die Versicherer nicht entscheidend verbessert haben.
Wie die Winterthur kürzt auch die Helvetia Patria die Überschüsse per 2005: «Die eigentlich notwendige Überschusskürzung wegen der höheren Lebenserwartung haben wir dabei nicht voll, sondern nur teilweise durchgeführt. Die Höhe des neu berechneten Überschussanteils beruht auf der Annahme, dass wir eine höhere Rendite als derzeit möglich erwirtschaften können», bestätigt Mediensprecherin Anne Zimmerli auf Anfrage. Im Unterschied zur Winterthur hielt es die Helvetia Patria jedoch nicht für notwendig, diesen Tabubruch aktiv zu kommunizieren.
Somit verbleiben nur noch Swiss Life und Bâloise, welche die laufenden Renten im Einzellebengeschäft noch nie kürzen mussten. Patrick Enzler, Leiter Solution Center bei der Basler, erklärt jedoch, dass auch bei der Basler eine Kürzung der laufenden Renten nicht auszuschliessen sei, sofern sich die Zinssituation nicht verbessere.
Das Problem ist nicht nur die Kapitalmarktrendite, den Versicherern macht die steigende Lebenserwartung (siehe Tabelle) noch mehr zu schaffen. Doch halt: War nicht schon in den Neunzigerjahren bekannt, dass die Leute immer älter werden? «Ja, aber auf Grund damaliger Sterbetafeln sind wir von einer langsameren Zunahme der Lebenserwartung ausgegangen», erklärt Bernhard Locher, Chefaktuar bei der Winterthur.

Die Winterthur will keine Salamitaktik verfolgen

Wie es scheint, geht die Helvetia Patria das Risiko ein, in Zukunft eine weitere Kürzung vornehmen zu müssen. Genau das will die Winterthur vermeiden. «Wir wollen die Kürzung bewusst in einem Schritt durchziehen und nicht etappenweise», erklärt Ruedi Kubat. «Für unsere Kunden ist das ein harter Schritt. dafür müssen wir aber nicht jedes Jahr mit einer solchen Kürzung aufwarten.»
Bei der Winterthur sind jene Policeninhaber betroffen, welche die Versicherung vor 2000 abgeschlossen haben. Das sind rund 60 Prozent der Rentenbezüger. Bei 90 Prozent der Betroffenen liegt die Kürzung im Vergleich zur gesamten Rente unter zehn Prozent. Im Extremfall werden die Überschüsse um die Hälfte gekürzt. Dennoch wird die Winterthur im Jahr 2005 insgesamt um 20 Prozent höhere Überschüsse gutschreiben als im Jahr 2004. Profiteure sind die Inhaber von Kapitalversicherungen.
Den einen wirds genommen, den anderen wirds gegeben. Wie verhält es sich mit der Solidarität? Aktuar Bernhard Locher: «Wir haben dafür zu sorgen, dass die Überschüsse unter den Solidaritätsgruppen einigermassen fair aufgeteilt werden. Wir können nicht eine Kundengruppe gegenüber der anderen massiv bevorzugen. Das würde die Aufsichtsbehörde nicht tolerieren.»
Ein Insider hat CASH auf die Entwicklung bei der Winterthur aufmerksam gemacht. Zu einer Zeit, als die Medienorientierung auf Donnerstag, den 18. November, schon terminiert war. So ist bei aller Kritik doch festzuhalten, dass zumindest die Winterthur bestrebt ist, diese unerfreuliche Nachricht der breiten Öffentlichkeit mitzuteilen.